Große Flächen unbeprobt und unsaniert

Unzureichende Untersuchung möglicher Altgebäude

Es hat nur eine unzureichende Untersuchung möglicher Altgebäude im Bereich des WASAG-Geländes stattgefunden. Es wurden augenscheinlich weder vor noch nach der Rodung Luftbilder angefertigt, um nicht dokumentierte Gebäudereste aufzuspüren. Mindestens die Grundmauern eines Gebäudes, die nach den Rodungsarbeiten zu Tage traten, konnten vom Regierungspräsidium nicht zugeordnet werden. Schließlich sei in den übrigen Bereichen eine Kontamination dadurch auszuschließen, dass das Leitparameter TNT in den übrigen untersuchten Bereichen nicht beziehungsweise nur in sehr geringer Konzentration nachgewiesen werden konnten. Aufgrund der sehr wenigen Probennahmen im Altlastenbereich (im Durchschnitt ca. alle 200 m) ist diese Begründung nicht nachvollziehbar. 

 

Damit wird Nebenbestimmung 18 zum Bodenschutz im Planfeststellungsbeschluss missachtet: „Die Untersuchung möglicher Altgebäude im Bereich des WASAG-Geländes ist durchzuführen.“

 

Neu (16.11.21) In der Zwischenzeit wurden im Bereich der Grundmauern Baggerschürfen durchgeführt, die eine Kontamination bestätigten. Das Erdreich wurde abgetragen, es ist allerdings unklar, wo es hingekommen ist. Anders als bei den sonst sanierten Gebäuden, wurde die Erde aber nicht in einem größeren Radius beprobt. Auch wurden keine Kanäle in dem Bereich überprüft.

Auf alten Plänen ist ein Gebäude dokumentiert, das nicht Bestandteil von Beprobungen war (vgl. Bild unten)  

Nach einem Foto des WASAG-Geländes von 1948. In: Preuss, Eitelberg et al. 1991, Erkundung und Rekonstruktion des Sprengstoffwerkes der Westfälisch Anhaltischen Sprengstoff AG, erstellt für das RP Gießen in Vertretung für Umweltministerium Land Hessen befand sich hier zu Kriegszeiten ein Gebäude (vgl. das rot umkringelte Gebäude rechts)

Neu (16.11.21) Dieses Gebäude liegt minimal neben der Trasse. Damit zu begründen, das keine Beprobung notwendig war ignoriert die Tatsache, das auch im weiteren Umfeld von Gebäuden - und damit auf dem Trassengelände - Kontaminationen wahrscheinlich sind. Daher wurde auch bei anderen Gebäuden ein größeres Areal der Umgebung beprobt. Und in jedem Fall ist davon auszugehen, dass Versorgungskanäle im Bereich der Trasse vorliegen. Auch diese mussten nach den Bestimmungen im Planfeststellungsbeschluss untersucht werden. 

Bild oben: die Grundmauern eines Gebäudes auf der Trasse, die erst nach der Rodung freigesetzt wurden. Das Gebäude wurde weder saniert noch beprobt.


Keine Meldung an den Auftraggeber = Verstoß gegen den Projektvertrag!

 

 

Diese Abweichung hätte dem Auftraggeber des Autobahnbaus durch die DEGES laut Projektvertrag (S. 70) gemeldet werden müssen. Davon wurde Abstand genommen, ohne dass es rechtliche Konsequenzen gegeben hätte.

Hatte das Regierungspräsidium vielleicht kein Interesse, das weiter zu verfolgen, weil es evtl. für die Kosten selber aufkommen muss? Und auch für die Mehrkosten, die durch eine eventuelle Bauverzögerung entstehen? (Vgl. S. 71 des ÖPP-Vertrages) 

 

 

... es sei denn dies sei Bestandteil der Anlage 5.5. gewesen ... aber davon ist nicht auszugehen!

Unzureichende Gefährdungsabschätzung entgegen dem Planfeststellungsbeschluss

 

Nach Nebenbestimmungen 1 ist im WASAG-Gelände, in der Joßkleinaue und der Kleinaue nach § 9 des Bundes-Bodenschutzgesetzes (BBodSchG) vom 17.3.1998 (BGBl I S. 502), zuletzt geändert, durch Gesetz vom 9.12.2004 (BGBl I S. 3214) eine Gefährdungsabschätzung durchzuführen. Insbesondere die integrierte Gefährdungsabschätzung für Boden, Altgebäude, Kanäle und das Grundwasser ist vor Baubeginn auszuwerten.

 

 

Obwohl Anhaltspunkte vorliegen, dass schädliche Bodenveränderung oder Altlasten vorliegt, wurden die vom Gesetz verlangten Maßnahmen nicht ergriffen: es wurden weniger als 50 Prozent des Geländes allein auf Grundlage von Plänen saniert. Die nicht sanierte Fläche der Trasse auf dem Altlastengelände wurde nur punktuell beprobt, so dass für weite Teile keine Messwerte vorliegen, die eine Verunreinigung ausschließen.

Trefferquote unter 50 %

Von einem Altlastenexperten sind die Schwierigkeiten einer Gefährdungsabschätzung dokumentiert: (vgl. Punkt 5f des links

Grundlage einer Gefährdungsabschätzung ist eine historische Rekonstruktion. Diese muß den Betriebszeitraum, den Zeitraum der Demontage (i.a. 1945-1948) sowie die Zeit bis zur Gegenwart erfassen. Der "geregelte Betrieb" kann im allgemeinen recht gut rekonstruiert werden. Nicht bzw. nur ungenügend erfaßt werden mit der historischen Recherche

- Verteilungen von rüstungsaltlastenrelevanten Substanzen aufgrund von Bombardierungen, Unfällen und Explosionen während der Betriebszeit

- die genaue Rekonstruktion des Kanalisationssystems, in dem sich heute noch Schadstoffe befinden können bzw. das als Drainage wirken kann

- die Erprobung alternativer Produktionsverfahren, die i.a. nicht dokumentiert sind

- der Einsatz von Ersatzstoffen, hauptsächlich nach der Zerstörung der deutschen Grundstoffindustrie im Jahr 1944

- die oft provisorische Umstellung der Produktion von Angriffswaffen (z.B. Bomben) auf Verteidigungswaffen (z.B. Panzerfäuste) in den Jahren 1944 und 1945

- die verheerende und chaotische Abfallbeseitigung während der Produktionszeit

- die Sekundärkontaminationen, die durch die Demontage und Sprengungen der kriegswichtigen Anlagen in den Jahren 1945-1948 unter z.T. chaotischen, nicht zu rekonstruierenden Bedingungen durchgeführt wurde und

- die Verteilung kontaminierten Materials in der Zeit nach 1948, z.B. im Zuge der Folgenutzung des Standortes (HAAS 1992).

 

Prinzipiell muß also zunächst das gesamte Gebiet einer Rüstungsaltlasten-Verdachtsfläche als potentiell kontaminiert eingestuft werden. Selbst unter Zuhilfenahme von Luftbildern verschiedener Jahrgänge können nicht alle Altlastverdachtsflächen erfaßt werden.

Bei Erkundungen von Rüstungsaltlasten wurde festgestellt, daß oftmals kleine, hochkontaminierte Bereiche vorhanden sind (einige Quadratmeter), auf denen z.T. hunderte von Kilogramm unzersetzter Sprengstoff angetroffen werden (HAAS 1992).

Da ehemalige Rüstungsbetriebe oft eine Ausdehnung von mehreren Quadratkilometern besitzen, ist eine systematische Untersuchung der Gesamtfläche unmöglich, wie eine statistische Betrachtung zeigt: um einen Kontaminationsherd mit einer typischen Größe von 7 m¨ (der Größe eines Scheunentores) auf einer Fläche von 100 m¨ (10*10 m) mit 68 %iger Wahrscheinlichkeit mit einer Rastersondierung zu treffen, sind 16 Sondierungen notwendig. Pro Quadratkilometer Fläche müßten also 160.000 Sondierungen vorgenommen werden (HAAS 1992). Mit einer Rastersondierung mit einer Maschenweite von z.B. 50 m (400 Proben pro Quadratkilometer Fläche) werden somit lediglich großflächige Bodenkontaminationen erkannt, da die Trefferwahrscheinlichkeit (s.o.) lediglich bei 0,17 % liegt. 

 

Es heißt im folgenden: Bei objektorientierter Beprobung liegen die Trefferraten i.a. zwischen 15 und 50 %. Allerdings gibt es gute Möglichkeiten beim Aufspüren von kontaminierten Flächen eine Trefferrate von 80-90 % zu erreichen, wie dort im folgenden dargelegt ist. Für das WASAG-Gelände wird die Trefferrate aufgrund der mangelhaften Recherche unter 50 % liegen. Das bedeutet, dass sehr viele Schadstoffe noch im Boden sind und über die Trasse verteilt wurden. (Quelle: http://www.r-haas.de/V16.html )

Konkrete Anhaltspunkte für mangelhafte Gefährdungsabschätzung

U. a. gibt es folgende Belege dafür, dass die bisherigen Maßnahmen für die Gefährdungsabschätzung nicht ausreichen:

 

1.      Nach dem Krieg wurden große Restbestände an Munition gesprengt (S. 54 des links) – damit kann für keinen Bereich eine Kontamination ausgeschlossen werden. So heißt es in einem Gutachten von Preuss (18.2.1990): „Bei explodierten Geschossen und Bomben kann, wie Stettbacher (1948/80) zeigt, ein Teil des Sprengstoffes bei der Explosion nicht umgesetzt werden und dann Bodenbelastung wirken. (S. 25)

2.      In dem Gutachten wird außerdem bestätigt: „Zwischen den dokumentierten Zuständen können durchaus Eingriffe erfolgt sein, die mit diesen Quellen nicht erfassbar sind.“ Dazu zählen sowohl die Standorte wie auch Ablagerungen und Veränderungen der Oberfläche. (S. 24)

3.      Die Sanierungen orientieren sich hauptsächlich an alten Gebäudeplänen. Luftbilder dokumentieren , dass sprengstofftypische Verbindungen an vielen Stellen außerhalb der Gebäude gelagert wurden. Luftbildaufnahmen in einem Gutachten von 1991 zeigen außerdem Minen und offen gelagerte Kisten. Auch in der Presse wurde berichtet, wie wenig über die Gebäude bekannt ist: Verantwortliche waren über die Lage eines Küchengebäudes überrascht"Dass sich das Lager an genau dieser Stelle im Herrenwald befand, war auch für Experte Jürgen Wolff vom Heimat- und Geschichtsverein ­eine Überraschung. „Wir hatten es an einer anderen Stelle vermutet“, berichtet die Oberhessische Presse.

4.       „Auf eine Beprobung des Horizonts 0 bis 0,1m wurde in Abstimmung mit dem HBM verzichtet, da aufgrund des hohen Bauschuttanteils eine Beprobung dieses Horizonts teilvielfach nicht sinnvoll möglich war..“ (Erläuterungsbericht Bodenuntersuchungen 2008, S. 43)

5.      Laut dem Dokument „Entmilitarisierung, Entmunitionierung – Haushaltsangelegenheiten Hessen (Schriftverkehr 1952-1955)“  aus dem Bundesarchiv Koblenz (zitiert ebda. S. 66ff) gab es 2.500 Meter an teilweise sprengstoffinkrustierten Eisenrohre, die mutmaßlich gesprengt wurden. Solche Eisenrohre waren vor kurzem noch auf der Trasse zu finden. 

6.      Laut diesem Dokument wurden 50 Kubikmeter Hexogen mit Kalk neutralisiert. Im Erläuterungsbericht ist vermerkt, dass der Ort auf dem WASAG-Gelände, an dem dieses Hexogen verblieb, nicht zugeordnet werden kann (ebda).

7.      In dem Bericht ist außerdem ausgeführt, bei der Kanalerkundung sei in einer Probe AOX in Spuren feststellbar gewesen. „Dieser Kabelschacht liegt südlich der Artilleriestr. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde in Kanal 404175 ein deutlicher Lösemittelgeruch festgestellt. Ob die AOX-Belastungen in Probe ESW A010 mit dieser Kontamination in Verbindung steht, kann nur vermutet werden.“  (ebda. S. 182)- Auch dieser Bereich wurde nicht saniert, obwohl Anwohner:innen im Frühjahr 2021 erneut auf den ungewöhnlichen und penetranten Geruch hinwiesen.

8.      Im dem Bericht festgestellt, dass der Verbleib der Aschen und Schlacken am Brandplatz nicht geklärt ist (ebda. S. 227) – dieser Brandplatz befindet sich auf dem Gebiet der Trasse und wurde nur mit 16 Kleinrammbohrungen und einer Baggerschürfe untersucht.

9.      Im Erläuterungsbericht des hessischen Baumanagement vom 6.1.2010 heißt es außerdem: „Aufgrund der Kanalwasser- und Feststoffanalyse konnte für einige Abläufe ehemaliger Produktionsgebäuden Schadstoffverfrachtungen nachgewiesen werden. Die Ergebnisse sind bei der weiteren Vorgehensweise zu beachten.“  (S. 47) Trotzdem wurde auf eine durchgängige Beprobung des Trassenbereiches verzichtet. 

10.  Im Bericht zur Durchführung vom Bodenuntersuchungen der Erkundung der Altkanalisation des WASAG  Gebietes Stadtallendorf (Erläuterungsbericht Bodenuntersuchungen 31.3.08) ist bestätigt, dass „teilweise nicht exakt bekannte Gebäudelagen“ vorhanden sind und obwohl bereits im „Gutachten zur Orientierenden Untersuchung … auf fehlende georeferenzierte Luftbilder als grundlegendes Problem“ hingewiesen wird (S. 186). Vgl. auch das Bild der Mauerreste auf der Trasse - das Regierungspräsidium hatte bisher trotz eines vorgelegten Fotos kein Interesse zu untersuchen, ob es sich hier eventuell um ein zu sanierendes Lagergebäude handelt. Und es gab sogar ein auf alten Plänen nachgewiesenes Gebäude im Bereich der Trasse, dessen Bereich nicht saniert wurde.

11.  Die Festlegung von „Kontaminationsschwerpunkten“ (ebda., S. 227) zeigt deutlich, dass nicht davon ausgegangen wurde, dass es Bereiche ohne Kontamination gab.

12.  Luftbildaufnahmen bei googlemaps.de zeigen für nicht beprobte Bereiche der Trasse deutliche Schäden beim (ehemaligen) Baumbewuchs - starke Indizien für eine Kontamination mit sprengstofftypischen Verbindungen.

13. Dass bisher nur die Füllgruppe 2 saniert wurde, lässt auch völlig außer Acht, dass die Reichweite der Belastungen vom Mittelpunkt aus mindestens 250 m betragen, teilweise eine Abgrenzung auch überhaupt nicht erkennbar ist. (vgl. dazu  Annette Joos u. a., Leitfaden Rüstungsaltlasten, S. 75 und 83) Auch bei der Sanierung des nahegelegenen DAG-Geländes wurde festgestellt, dass die Abgrenzung mehrerer Belastungsfahnen aufgrund der hydrogeologischen Gegebenheiten nicht möglich war (vgl. den Abschlussbericht der HIM Monasta, S. 16)  Es damit völlig unzureichend, die Verdachtsbereiche nicht nur Beprobung zu identifizieren, sondern allein auf Basis der Auswertung von Planungsunterlagen.  

 

Auf Basis dieser Kenntnisse ist es unverantwortlich, dass die Gefährdungsabschätzung allein auf Basis von Dokumenten erfolgte. Außerdem ist damit das Argument des Regierungspräsidiums entkräftet, eine flächendeckende Untersuchung des gesamten WASAG-Geländes wäre unverhältnismäßig gewesen.

Vor allem aber sind damit die Nebenbestimmungen zum Bodenschutz im Planfeststellungbeschluss unzureichend erfüllt, die Voraussetzung für einen Beginn der A 49 Bauarbeiten sind.